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Predigt von Pfarrer Birwer am 28.10.2018 zur Vorstellung der Kandidaten für die PGR- und KV-Wahl

Verbindung vom Markusevangelium des Tages zu den Zukunftsvisionen unserer Pfarrei mit zwei Wörtern: "noch" und "schon"!

Predigt zum 30. Sonntag. im Jahreskreis (Lesejahr B) am 28.10.2018

in St. Bonifatius Herne (Kandidatenvorstellung für die Wahlen zum PGR und KV)

 

1. Die Erzählung von der Heilung des Bartimäus, die wir gerade gehört haben, ist eine der kleinen Kostbarkeiten im Neuen Testament, gerade weil sie so vertraut ist. Es gibt ja Geschichten, die können wir immer wieder lesen, und sie erzählen immer wieder etwas Neues.

 

Achten wir zunächst auf diesen Mann, der da am Ausgangstor von Jericho sitzt, den Blinden, der so laut schreit. Ich kann mir nicht vorstellen, blind zu sein, aber vielleicht ist es ja so, dass ein Blinder in gewisser Weise gar keine Rücksicht nehmen kann. Er kann nicht wissen, wo der steht, den er ansprechen will, und wie laut er sprechen muss.

 

So sitzt der Mann am Tor und hört nur am Lärm der Leute, dass da etwas los ist. Als er hört, dass da Jesus vorbeikommt, beginnt er zu rufen, ohne Rücksicht auf die anderen. Aber er ruft nicht das, was alle rufen. Gegen den Lärm, gegen die ‚Bravo-Rufe’, oder was sonst Leute bis heute rufen, wenn eine Berühmtheit vorbeikommt, schreit er: „Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!“

 

Das stört die Feierlichkeit. Die Leute werden ärgerlich und sagen: ‚Halt den Mund! Wir haben Besuch, du störst!’. Doch je mehr sie es ihm verbieten, um so unerbittlicher ruft der Blinde – bis Jesus den Schrei hört....: „Holt ihn her!“

 

 

2. Jetzt müssen wir den Blick wenden und Jesus anschauen. Was macht er? Es steht dort nicht, was Jesus denkt. Er sagt: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Wenn wir bsp. einen Menschen im Rollstuhl sehen, so mag es sein, dass wir denken: ‚So ein armer Kerl’, und wir meinen zu wissen, warum er arm ist: der sitzt sein ganzes Leben im Rollstuhl. Aber vielleicht würde der sagen: ‚Der Rollstuhl ist gar nicht mein Hauptproblem. Damit komme ich zurecht. Aber dass ich keine Kinder haben kann, das lässt mich manchmal fast verzweifeln.’

 

Jesus beurteilt den Blinden nicht in solcher Weise von außen. Er fragt ihn, er nimmt ihn als einen Menschen ernst, der selbst seine Situation am besten kennt und deutlich machen kann, was er will: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!..... Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“

 

Er sagt nicht: ‚Du, pass mal auf, jetzt heile ich dich. Ich leg’ dir die Hände auf, dann beten wir und dann heile ich dich’, sondern: ‚Dein Glaube hat dir schon geholfen. Geh, es ist schon alles gut!’ Was wir nur als verzweifeltes Schreien eines Menschen am Rande wahrnehmen, das nennt Jesus schon Glaube: ‚Wie du gegen diese Menge nach Gottes Erbarmen rufst, das ist Glaube! Deswegen bist du im Frieden’.

 

 

3. Die Bartimäuserzählung ist nicht einfach nur eine Heilungsgeschichte wie die vielen anderen im Neuen Testament – und das ist erkennbar aus der Stellung, die sie im Markusevangelium hat. Kurz gesagt: Sie ist eine Provokation – und so ist sie gemeint!

 

Markus baut sie ein unmittelbar nach zähen Auseinandersetzungen zwischen Jesus und seinen Jüngern, die ihn einfach nicht verstehen wollen oder besser (wie wir vielleicht auch) nicht verstehen können. Immer mehr spitzt sich die Krise zu. Immer häufiger und stärker spricht Jesus vom Ernst der Nachfolge:  * stößt vor den Kopf, weil er das Ehegesetz des Mose verschärft;  * schickt einen jungen Mann weg, weil der sich nicht von seinem Vermögen trennen kann;  * sagt, dass zur Nachfolge auch Leiden gehört… – Und die Jünger? Sie tun das, was wir auch tun, wenn uns andere zu moralisieren daherkommen: Sie ignorieren ihn, schlimmer noch: Sie reißen sich um Pöstchen!

 

Dann steht da, es wirkt fast störend, der Bartimäus am Wegesrand – unmittelbar vor dem Einzug Jesu in Jerusalem. Dann wird Jesus nicht mehr vom Kreuz reden, dann wird er den Kreuzweg gehen. Es ist eine fast tragische Entfremdungsgeschichte, die Markus erzählt. Bei seinen Jüngern jedenfalls ist Jesu unverstanden und einsam. Die Frage, die Bartimäus provoziert ist: Wer ist hier eigentlich sehend – und wer ist blind? Blind sind die Jünger – und die Jünger sind wir.

 

Worin besteht diese Blindheit? Es sind zwei Punkte am Verhalten Jesu dem Bartimäus gegenüber, die seine Umgebung provozieren und bis heute eine permanente Infragestellung bleiben:

 

a. Jesus holt die am Rande in die Mitte – und er holt in die Mitte, was in uns, was in mir am Rand ist. Die Blindheit der Jünger, und vielleicht auch unsere, ist ihre Gottesvorstellung: Gott ist größer. Glaube, Kirche sind bedeutsam. Und Jesus zeigt: Gott ist kleiner! Das für uns Unerhörte – bis heute – in der Begegnung Jesu mit Menschen am Rande ist, wie sehr er auf einen einzelnen Menschen und seine Sorgen zugeht und ihm ins Herz schaut.

 

·       Es gibt einen Glauben, der gesund macht, heilt. Das ist der Glaube von Menschen, die wissen, was ihnen wehtut, und die den Mut haben, dies vor Gott auszusprechen.

·       Und es gibt einen Glauben, der nicht gesund macht. Das ist der Glaube von Menschen, die vielleicht immer mittun und dabei sind, aber die ihr Herz verschließen und niemanden hineinschauen lassen, nicht einmal Gott, weil sie sich nicht vorstellen können, dass Gott sie selber meint!

 

Da wünsche ich mir für unsere Pfarrei und die Gemeinschaft unserer Gemeinden, dass wir diesen Blick füreinander nicht verlieren oder ihn neu gewinnen. Eine Klage, die uns immer wieder begegnet ist, dass bei den großen Strukturen die Priester, die Seelsorger immer weniger einen Blick für die Einzelnen haben. Dies ist sicher eine Herausforderung, aber es versteht Kirche doch auch sehr klerikal. Wie ist es mit Ihrem Blick füreinander?

·       Ist in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, ist bei all dem, was wir so treiben und organisieren, Platz dafür, dass Menschen ‚ihre Wunde zeigen dürfen’? Ist das erlaubt?

·       Und nähmen wir einmal wirklich an, die neugewählten Räte würden sagen: Wir haben nur ein Anliegen – „an die Ränder gehen“, die in Herne am Rand sind, in die Mitte holen. Wir müssten uns um die Zukunft der Kirche keine Sorgen machen.

 

b. Jesus fragt den Bartimäus: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“. – nicht: Ich weiß schon wie es geht! Der Unglaube der Jünger ist auch hier wieder: Dass sie meinen, sie wissen, wie es geht – wie Glaube geht, wer Gott ist. Doch das einzige, was sie sehen, sind ihre überkommenden Vorstellungen.

 

Die Herausforderung der Kirche unserer Zeit ist das: Dass unsere überkommenen Wege radikal in Frage gestellt werden durch den „kleinen Weg“, den Jesu weißt. Das gilt für die Weltkirche, aber auch für unsere Gemeindekirche.

 

Der Dresdner Bischof Timmerevers hat dazu vor einigen Wochen in einem interessanten Interview erzählt, wie sein Wechsel aus dem katholischen Oldenburger Münsterland in die tiefe Diaspora Sachsen ihn da eine völlig neue Sichtweise gelehrt hat. Früher, als Münsteraner Weihbischof, habe das Wörtchen „noch“ sein Denken bestimmt. Wie viele sind wir noch? Haben wir noch einen Pastor? Was können wir noch aufrechterhalten? In Dresden, wo es ja überhaupt nur 7% Christen gibt (3% Katholiken), erlebt er, dass die Gemeinden diese Frage gar nicht haben, sondern viel klarer haben: Wir müssen zusammenkommen – und die Frage Jesu stellen: Was können wir schon tun!

Die Wörtchen „noch“ ist in unseren Gemeinden zu einem der wichtigsten Worte geworden. Das ist verständlich, aber es ist Unglaube, weil es ja einschließt, dass wir wissen wie es gehen soll. Dabei ist es nur das, was einmal war! Und vor allem: Es ist eine Abwärtsspirale negativen Denkens, die uns gefangen hält.

 

Eine Gemeinschaft, die im Modus des „immer weniger“ lebt, ist nicht anziehend. Wer will dazu schon gehören. Aber vor allem widerspricht es unserem Glauben, wie er sich in der einen Frage Jesu an Bartimäus ausdrückt: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“. Was wäre das für ein Signal und ein Stimmungswandel, wenn im Mittelpunkt der Arbeit der nächsten drei Jahre nicht stünde, was wir „noch“ tun können, sondern was wir „schon“ tun können? Und dann im Blick auf den Weg Jesu einen Schritt gehen!

 

Die Heilung des Bartimäus ist eine Anklage an die Blindheit der Jünger, aber auch ein Ruf, uns sehend zu machen für das, was Not tut, vielleicht im Sinn des Paulusworte: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Amen.

 

Predigt von Pfarrer Birwer am 28.10.18.pdf

 

Steh auf, der du keine Hoffnung mehr hast.

Steh auf, denn Gott ist daran, „alle Dinge neu zu schaffen“!

Steh auf, der du dich an die Gaben Gottes gewöhnt hast.

Steh auf, und beginne wieder voller Bewunderung für die Güte Gottes zu sein.

Steh auf, der du leidest.

Steh auf, dem es dir scheint, dass das Leben dir viel verweigert hat.

Steh auf, wenn du dich ausgeschlossen, verlassen, beiseitegeschoben fühlst.

Steh auf, denn Christus hat dir seine Liebe gezeigt und

hält für dich die Verwirklichung einer unverhofften Möglichkeit bereit.

Steh auf und geh!

 

Aus einem Gebet von Papst Johannes Paul II.